Für Menschenrechtsverteidiger, die verfolgt werden, kann die Suche nach Sicherheit einen hohen Preis haben. Wer seine Heimat verlässt, riskiert, genau die Netzwerke, sein soziales Umfeld und die Verbindungen zu verlieren, die seine Arbeit erst möglich machen.
Wie kann Europa Menschenrechtsverteidiger schützen, ohne sie dazu zu zwingen, genau die Arbeit aufzugeben, für die sie verfolgt werden?
Um diese Frage ging es bei einem dreitägigen Workshop, der vom 14. bis 16. Oktober 2026 in der albanischen Hauptstadt Tirana stattfand. Unter dem Titel „Strengthening Regional Temporary Relocation Pathways for Human Rights Defenders in EU Candidate Countries and Neighbouring EU Member States“ diskutierten die Teilnehmer über bessere Schutzmöglichkeiten für Menschenrechtsverteidiger in EU-Beitrittsländern und benachbarten Mitgliedstaaten.
Die von Araminta und europäischen Partnern organisierte Veranstaltung brachte Vertreter der Zivilgesellschaft, politische Entscheidungsträger und Menschenrechtsexperten zusammen. Im Mittelpunkt stand die Frage, wie sich vorübergehende Schutzaufenthalte für gefährdete Menschenrechtsverteidiger sicherer, leichter zugänglich und besser koordiniert gestalten lassen.
An dem Workshop beteiligten sich ProtectDefenders.eu, Justice & Peace Netherlands, Araminta und SCiDEV. Die Finanzierung übernahm die Europäische Union. Unterstützung kam zudem von der Vertretung des Europäischen Parlaments für den Westbalkan und dem Königreich der Niederlande.
Warum der Schutz von Menschenrechtsverteidigern neu gedacht werden muss
In Europa und den angrenzenden Regionen stoßen Menschenrechtsverteidiger bei der Suche nach Schutz auf erhebliche Hürden.
Zwar gibt es bereits Nothilfe, Programme für vorübergehende Schutzaufenthalte und sichere Zufluchtsorte. Doch die Angebote sind oft unzureichend aufeinander abgestimmt. Lokalen Organisationen fehlt mitunter der direkte Draht zu europäischen Institutionen. Regionale Netzwerke wiederum stoßen an finanzielle, personelle oder rechtliche Grenzen.
So wird die Suche nach Schutz jenseits der eigenen Landesgrenzen oft zur Hürde, selbst wenn Hilfsangebote vorhanden sind.
Wie sich diese Lücken schließen lassen und welche Rolle EU-Beitrittskandidaten sowie benachbarte Mitgliedstaaten dabei spielen können, war eine zentrale Frage des Workshops in Tirana. Die Teilnehmer berieten darüber, wie sich regionale Schutzangebote stärken, die grenzüberschreitende Zusammenarbeit verbessern und bestehende Hilfsprogramme enger miteinander vernetzen lassen.
Schutz und Mobilität auf europäischer Ebene neu denken
Am 15. Oktober beteiligte sich Evgeny Shtorn als Vertreter von Araminta an einer Diskussion über europäische und internationale Lösungsansätze zum Schutz von Menschenrechtsverteidigern. Dabei brachte er Aramintas Vorschlag für eine EU-Richtlinie zu Mobilität und Schutz von Menschenrechtsverteidigern ein.
Im Kern geht es um eine grundlegende Frage: Wie kann Europa bedrohten Menschenrechtsverteidigern vorübergehend Sicherheit bieten, ohne dass sie ihre Arbeit aufgeben müssen?
Wer eine Landesgrenze überquert, muss mit rechtlicher Unsicherheit und Einschränkungen seiner Bewegungsfreiheit rechnen. Zugleich können berufliche Kontakte und die Verbindung zum sozialen Umfeld in der Heimat darunter leiden.
Aramintas Vorschlag für eine EU-Richtlinie bietet einen Ansatz, um diese Herausforderungen auf europäischer Ebene anzugehen. Im Mittelpunkt stehen klar geregelte Schutzmöglichkeiten, grenzüberschreitende Mobilität und die Möglichkeit, sich auch während eines Aufenthalts im Ausland weiterhin für die Menschenrechte einzusetzen.
An der Diskussion beteiligten sich zudem Vertreter des Europäischen Parlaments, von ProtectDefenders.eu, Justice & Peace Netherlands, der niederländischen Stadt Deventer und Amnesty International.
Lokale Schutzangebote und europäische Politik besser verzahnen
Der Workshop in Tirana brachte Organisationen zusammen, die sich auf lokaler, regionaler und europäischer Ebene für den Schutz von Menschenrechten einsetzen.
Am 14. Oktober nahmen die beteiligten Organisationen die bestehenden regionalen Schutzmöglichkeiten und die damit verbundenen Herausforderungen unter die Lupe.
Am 15. Oktober wurde die Debatte auf einen größeren Teilnehmerkreis ausgeweitet. Vertreter der Zivilgesellschaft, politische Entscheidungsträger und institutionelle Partner diskutierten über Schwachstellen bestehender Schutzsysteme und Möglichkeiten einer engeren Zusammenarbeit.
Den Abschluss bildete am 16. Oktober eine Strategiesitzung, bei der die künftige Zusammenarbeit im Mittelpunkt stand.
Die Gespräche boten Gelegenheit, auszuloten, wie sich regionale Initiativen enger mit den bestehenden europäischen Schutzmechanismen verzahnen lassen.
Für Araminta ist diese Verzahnung von zentraler Bedeutung. Denn so wichtig europäische Regelungen für den Schutz von Menschenrechtsverteidigern sind, sie müssen sich auch an der Lebenswirklichkeit der Menschen orientieren, die auf diesen Schutz angewiesen sind.
Schutz darf nicht dauerhaftes Exil bedeuten
Ein vorübergehender Aufenthalt im Ausland kann für bedrohte Menschenrechtsverteidiger lebenswichtig sein. Doch Schutz darf nicht zwangsläufig bedeuten, dauerhaft von der Heimat, dem sozialen Umfeld und der eigenen Arbeit getrennt zu sein.
Menschenrechtsverteidiger brauchen mehr als einen sicheren Zufluchtsort. Sie benötigen auch Rechtssicherheit, Zugang zu Netzwerken und die Möglichkeit, ihre Arbeit fortzusetzen.
Vor dieser grundlegenden Herausforderung steht auch Aramintas Arbeit für mehr Mobilität und besseren Schutz von Menschenrechtsverteidigern.
Die Gespräche in Tirana waren Teil der Bemühungen, Erfahrungen aus der regionalen Schutzarbeit stärker in die europäische Politik einzubringen. Zugleich machten sie deutlich, wie wichtig die Zusammenarbeit zwischen zivilgesellschaftlichen Organisationen und europäischen Institutionen ist.
Dahinter steht ein einfacher Grundsatz: Wer Schutz sucht, darf nicht gezwungen sein, seinen Einsatz für die Menschenrechte aufzugeben.
Über den Workshop in Tirana

Der Workshop „Strengthening Regional Temporary Relocation Pathways for Human Rights Defenders in EU Candidate Countries and Neighbouring EU Member States“ fand vom 14. bis 16. Oktober 2026 in Tirana statt.
- Veranstaltungsort: Tirana, Albanien
- Zentrale Dialogveranstaltung: 15. Oktober, 9:00–17:00 Uhr
- Venue: Rogner Hotel Tirana, Antigonea Room
- Vertreter von Araminta: Evgeny Shtorn
Zum Herunterladen:
Gesamtprogramm vom 14. bis 16. Oktober
Programm für den 15. Oktober